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15. Juli 2008, 07:02

Wenn Satire in die Hosen geht…

von Rudolf Amstutz

«The New Yorker» ist der Inbegriff höchster Seriosität in Sachen Journalismus. Doch mit der aktuellen Ausgabe, die jetzt in den USA bei den Zeitschriftenhändlern liegt, hat sich das wöchentlich erscheinende Magazin brutal in die Nesseln gesetzt.

 

Das wöchentlich erscheinende Magazin «The New Yorker» ist der Inbegriff höchster Seriosität in Sachen Journalismus. Die Reportagen werden regelmässig mit Preisen überhäuft, sind bis ins letzte Detail recherchiert und stets mehrere Seiten lang. Beim «New Yorker» gibt es eine Abteilung, in der nur Facts Checker sitzen, also Leute, die die Fakten des Journalisten noch einmal überprüfen, um so den letzten möglichen Fehler noch zu finden und zu korrigieren. Berühmt ist das Magazin auch seiner Cartoons wegen, die anstelle von Bildern den Inhalt begleiten und seit Jahrzehnten zum Besten gehören, was es auf diesem Gebiet zu sehen und zu beschmunzeln gibt. Ebenso legendär auch die Titelbilder, auf denen meist sehr pointierte und hintergründige Karikaturen zu sehen sind.

 

Doch mit der aktuellen Ausgabe, die jetzt in den USA bei den Zeitschriftenhändlern liegt, hat der «New Yorker» sich brutal in die Nesseln gesetzt. Die Karikatur zeigt Barack und Michelle Obama im Oval Office. Er im islamischen Gewand, sie als militante Black-Power-Repräsentantin. An der Wand hängt ein Porträt von Osama bin Laden und im Kamin brennt eine US-Flagge vor sich hin. Satire ist immer eine Gratwanderung gewesen, die gerade die Macher dieses Prestigemediums meisterlich beherrschten. Doch in diesem Falle wogte eine Welle der Entrüstung über das Land hinweg und das Magazin sah sich gezwungen, den ganzen Tag auf sämtlichen Fernsehsendern Stellung zu beziehen. «Wir haben alle falschen Bilder, die über Barack Obama herumgereicht werden, in einem einzigen Bild zusammengefasst und so zeigen wollen, wie offensichtlich falsch sie sind», lautete das offizielle Statement. Nun: Satire sieht anders aus. Vor allem sollte sie auf den ersten Blick als solche erkennbar sein. In diesem Fall bestätigt ausgerechnet ein liberales und den Demokraten eher freundlicher gesinntes Blatt, die Vorurteile, die via bewusster Hetze seitens republikanischer Interessensgruppen erfolgreich im Land herumgeistern. Noch immer glaubt eine beängstigend grosse Zahl von US-Bürgerinnen und -Bürger, dass Obama nicht nur ein praktizierender und überaus unpatriotischer Muslim ist, sondern auch, dass er Kontakte zu Terroristen hat. Selbst John McCain findet das aktuelle «New Yorker»-Titelbild völlig daneben. Das offizielle Statement seitens des Obama-Hauptquartiers nannte das Bild geschmacklos und anstössig. Obama selbst lächelte bloss und sagte: «Dazu will ich nichts sagen.» Vielleicht müsste er die Taktik etwas ändern, und offensiver gegen die bewusst herumgereichten Anschuldigungen angehen, ansonsten wird er die bösen Geister bis im November nicht mehr los. Dem «New Yorker» wird der Vorfall eine Lehre sein in Zukunft sich wieder einmal mit der Definition von Satire auseinanderzusetzen. (Bild: The New Yorker)

Wer mehr über die US-Wahlen lesen will, kann dies in unserem Monatsmagazin TheTitle. tun. Zur aktuellen «Wahlkampfzentrale» gelangt man hier. Im Archiv lassen sich zudem die ersten sieben Beiträge nachlesen.

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