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09. Oktober 2008, 07:44

«Wahlkampfzentrale Daily»: es wird widerlich

von Rudolf Amstutz

Die politische Kampagne von John McCain operiert auf drei Ebenen: zwei davon sind legitim, eine davon allerdings spielt mit dem Feuer. Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin spielt dabei eine der Hauptrollen. Der selbsternannte «Pitbull mit Lippenstift» fletscht dabei gefährlich mit den Zähnen.

«My Friends» sagt er oft und gerne. John McCain unterlässt es nie, seine Reden ausschliesslich an «seine Freunde» zu richten. Dabei spielt es keine Rolle, dass während der zweiten Präsidentschaftsdebatte vom letzten Dienstag in Nashville einzig Wählerinnen und Wähler anwesend waren, die sich als noch unentschieden bezeichneten. Es sind trotzdem «seine Freunde». McCain schaffte es während 90 Minuten insgesamt 22 mal «my Friends» zu benutzen. Rekord.

Tags darauf während einer Wahlveranstaltung in Bethlehem, Pennsylvania, nannte er die anwesenden Supporter (und es waren Tausende) einmal «my fellow prisoners». Ein Versprecher gewiss. Aber Freud hätte da gewiss eine Theorie auf Lager. Fühlt sich McCain als Gefangener seiner eigenen Kampagne? Zu verübeln wäre es ihm nicht. Seit sich die Wirtschaftskrise ausbreitet, hat der gute Mann sämtliche substanziellen Vorteile an seinen Gegner verloren. Er, der Maverick, weiss nicht mehr, wo es langgehen soll. Doch während sich der Senator aus Arizona in seinem selbstgebauten republikanischen Gefängnis wieder wie ein Kriegsgefangener fühlen muss, haben seine Wahlhelfer längst die Bluthunde aus deren Zwinger befreit. 

Seit letztem Wochenende operiert die Kampagne auf drei Ebenen. Die erste ist jene des Kandidaten McCain, der in den Debatten versucht, seinen Gegner mit dem Vorteil seiner Erfahrung in Schach zu halten. Die zweite Ebene läuft den ganzen Tag über auf allen Fernsehstationen. Zum ersten Mal sind sämtliche McCain-TV-Spots in ihrer Summe negativen Inhalts (Obama-Spots sind zu 30% negativ). Aber auch dies ist man sich gewohnt. Die dritte Ebene allerdings zeigt selbst für viele langjährigen und hartgesottenen Politanalysten eine neue Qualität.

Wer erinnert sich noch an die demokratischen Vorwahlen? An jene Zeit, in der die USA vor einem historischen Moment standen? Die demokratische Partei zum ersten Mal entweder eine Frau oder einen Afroamerikaner nominieren würde? Ein neues Kapitel wurde in der Geschichte eines Landes aufgeschlagen, das noch heute den Rassismus nicht gänzlich aus der Gesellschaft verdrängen konnte. 

In den letzten vier Tagen tourte Sarah Palin munter durchs Land von Florida bis Pennsylvania, durch jene Staaten also, die die Republikaner dringend brauchen, wollen sie das Blatt bis zum 4. November noch wenden. Die Personen, die Palin an den Wahlveranstaltungen ankündigten, benutzten plötzlich den vollen Namen des demokratischen Gegners, mit jeweilig starker Betonung auf dem zweiten Vornamen: Barack HUSSEIN Obama. Einmal wurde er gar nur Barack Hussein genannt. «Liebe Patrioten», sagte da einer, «stellt Euch vor, ihr würdet am Morgen des 5. Novembers in Euren Betten erwachen und realisieren, dass Barack HUSSEIN Obama unser Land regiert». Die rein durch einen von einer Republikanerin in Chicago gegründeten Schulausschuss entstandene Verbindung zwischen Obama und Bill Ayers, einem radikalen Aktivisten der sechziger Jahre, benutzt nun Palin, um folgendes über den Senator aus Illinois zu sagen: «Er scheint unser Land dermassen zu hassen, dass er sich mit Terroristen umgibt. Nein, Barack Obama ist keiner von uns. Er ist nicht wie ich und wie Ihr.»

Ohne Programm, ohne Substanz – und ohne Ideen, die ersten beiden Mangelerscheinungen zu ändern, wird nun mit der Angst gespielt. In New Jersey werden Flugblätter verteilt, in denen Obama als Muslim mit Terrorkontakten dargestellt wird. Während der Rede von Palin in Florida wurden ihre markigen Worte von Ausrufen im Publikum begleitet: «Tötet ihn!», «Bringt uns den Kopf von Obama». Ein schwarzer Kameramann einer anwesenden TV-Station wurde von den Palin-Anhängern massiv angepöbelt. An einer Veranstaltung McCains stellte dieser die rhetorische Frage: «Wer ist eigentlich der wahre Obama?». «Ein Terrorist» skandierten sie zurück.

Fazit: fertig lustig. Diese Ebene ist nicht unter der Kontrolle der McCain-Kampagne. Eine politische Kampagne allerdings besteht eben gerade darin, dass man alles unter Kontrolle hat. Hier aber werden die dumpfesten Ängste geschürt und was daraus resultieren kann, wissen die USA besser als manch anderes Land: Abraham Lincoln, John F. Kennedy, Bobby Kennedy, Martin Luther King jr. 

McCain versprach noch im August, dass er eine respektvolle Kampagne führen wolle. Im Jahr 2000 wurde er nämlich in den republikanischen Vorwahlen von den Bush-Bluthunden verfolgt und musste zur Rettung seiner Person seine Kandidatur zurückziehen. Nun hat er die selben Bluthunde engagiert, damit diese gemeinsam mit Sarah Palin Jagd auf seinen Gegner machen. Das ist unschön, widerlich und im höchsten Masse gefährlich. Ob dieses Land, in diesen Zeiten, mit dieser Hoffnung, ein Unglück verkraften würde…man will es gar nicht wissen.

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