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12. Dezember 2008, 00:14

Mysterien und Ohrenstrände

von Markus Schneider

10.12.2008 / 9:15 Uhr: Das Nette am Dasein als freier Schreiber: Den Tag vertrödeln mit Kaffeetrinken, Zeitunglesen und Fennesz-Hören, der nach längerer Zeit mal wieder eines seiner tollen Solo-Alben veröffentlicht hat. Ich denke gern, dass sich an seinen Alben «Endless Summer» und «Venice» auch Leute freuen können, denen solcherart ozeanisch frei flottierende Elektronik sonst wenig sagt. «Black Sea» klingt im Verhältnis zunächst ein wenig sperrig, aber nur bis man sich darauf eingelassen hat. Denn Zeit braucht man schon für Fennesz – und natürlich für dieses abstrakte, Glitch genannte, Genre überhaupt.

 

Stand was in der Zeitung? Bernd Schuster ging, sphinxhaft schweigend, von Real fort, der Mysterien-Mann aus Augsburg.

 

Wer hat eigentlich, apropos Genre, und wann diese dräuende, harte, quasi-esoterische Neo-Noir erfunden, die ich mir vorgestern zunehmend verdriesslich in Form von „«Max Payne» (sprechende Namen sind doch eigentlich auch No-Go-Area, oder?) angeguckt habe. Ein ziemlicher Quatsch, dem ich vielleicht vor 15 Jahren oder so noch das strukturalistische Vergnügen abgewonnen hätte, dass Marky Mark – pardon, der christlich wiedergeborene Mark Wahlberg – tatsächlich nach maximalem Schmerz aussieht. Und nach nichts anderem, so konsequent behält er einen einzigen Gesichtsausdruck bei. Muss man auch erstmal können. Es ist ausserdem ästhetisches Programm. Das Mono-Fasziale (äh?) doppeln die Bilder, weil es immer mindestens regnet, wo nicht schneit; immer dunkel ist, ausser, klar, in den Rückblenden; und böse Schatten überall lauern, wenn sie sich nicht zu seltsamen, schwarzen Fledermausgeistern materialisieren. Der Reiz dieses gestalterischen Rigorismus verliert sich natürlich schnell und dann steht das Geschichtchen arg dünn und dümmlich da. Ich glaube ausserdem, dass Alan Parkers «Angel Heart» von 87 mit seinem verquasten, halb-rassistischen, satanistischen Voodoo-Gemystel und logischerweise Mickey Rourke zu den Vorboten gehört. Dann natürlich die ganzen «Matrices» und Comicverfilmungen bis zum andererseits auf barock-überfrachtete Weise wieder gelungenen «Dark Knight». Vielleicht kann man jetzt langsam mal damit aufhören? Oder eine Pause machen? Sich wenigstens Stories ausdenken?

 

Am Ohrenstrand

 

11.12.2008 / 14:00 Uhr: Gestern abend ging es dann zur ersten Ohrenstrand-Versammlung in den Pfefferberg (ein Kulturverein in Prenzlauer Berg), wo vor ausverkauftem Haus über Neue Musik und Pop zu sprechen war, mit Tocotronic als Pop-Attraktion und dem Kammerensemble Neue Musik (KNM) Berlin. Fürs Wort geladen waren Jens Balzer von der Berliner Zeitung, als Repräsentant der Pop-Intelligenz, die Tocotronics Rick McPhail und Arne Zank als Diskurs-Pop-Praktiker, und der Musikwissenschaftler Thomas Schäfer als Spezialist für die Neue Musik. Dazwischen fand sich «Aspekte»-Dame Luzia Braun für Moderation und «blonde Fragen» zuständig. Kollege Aram Lintzel fand hinterher lustig, wie Tocotronic neue Musik spielen mussten, aber eigentlich betonten sie in ihren lässig auf die kleine Bühne gesetzten beiden Stücken nur das Sonic-Youth-hafte ihrer immer feedback-lastigeren Musik. Im eleganten Kontrast dazu spielte eine Streich-Quartett-Formation des KNM ein Stück des amerikanischen Neutöners Alvin Lucier, das aus vier Tönen, halbtonhaft gestuft, bestand und zum Ziel hatte, diese zum Verschwinden zu bringen. Was höchst ansprechend und eindrucksvoll gelang. Physisch absolut höchstleistend zogen die Musiker stoisch ihre Bögen über die Saiten, und wurden dabei immer leiser und auch stets, streng nach Vorschrift, etwas dunkler. Erstaunliche Effekte ergaben sich über die etwa Viertelstunde, es erinnerte an Sinustöne, an rhythmisch gedehnte Amplituden, wie sie sich auch Elektroniker zunutze machen. Manchmal trafen sich die Töne schrill, dann wieder ergänzten sie sich auf eigenartige, zarte Weise. Tolles Stück, bei dem alle im Saal blieben. Luzia Braun wollte dann immer wissen, wie man das denn verstehen könne, weil es ja keine Melodie und Rhythmus gäbe? Worauf Schäfer stets abwiegelte und meinte, man solle das doch einfach voraussetzungslos geniessen, weil Komponisten auch nur Leute wären, die viel sagten und theoretisierten, wenn der Tag lang sei. Sinngemäss, natürlich.

 

Lucier kannte ich bisher nur von ein paar Field Recordings, auf denen recht apart Gletscherspalten knarren. Vier Töne vorgeben und damit spielen, erinnerte natürlich auch an Bach, Kunst der Fuge. Und so hätte man Frau Braun auch antworten können, dass auch die Funktionsharmonik nur erfunden und nicht göttlicher Wille oder naturhaft vorgeschrieben ist. Und also eine bürgerliche Gewohnheit, der man eine neumusikalische ja ohne weiteres an die Seite stellen kann. Es träfe sich ohnehin, so Jens Balzer, die geräuschaffine Popmusik mit den E-Experimentierern, sofern diese nicht ganz körperfeindlich agierten. Weshalb eben Lucier genauso sinnlich schön empfunden wurde wie die dicken Krachgitarren Tocotronics, aus denen sich dann die Harmonien schälten und der Gesang erhob. Einigkeit, dass Stockhausen nicht wirklich dazu gehörte, wie er immer mal in gelegentlichen humorlosen Auslassungen in «The Wire» und «Der Zeit» bewiesen hatte, wo er Technomusiker respektive ehemalige Schüler und Krautrocker zurechtwies. So etwa die Gedanken später beim Nörgelwirt, wo alle den Abend ausklingen liessen. Mir fiel noch eine liebe Morton Feldman-Anekdote ein, die er in seiner sehr charmanten Essaysammlung «Give My Regards to 8th Street» erzählt. Stockhausen habe ihn einst nach seinem Kompositions-Geheimnis gefragt. Er habe geantwortet: «Karl-Heinz, du darfst die Töne nicht bedrängen und schubsen.» Darauf nach einer Pause Stockhausen: «Nicht mal ein kleines Bisschen?»

 

Gleich kontrollieren, ob «The Women» wirklich so blöd ist, wie alle schreiben.

 

 

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