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03. März 2009, 19:13

Von der Matte zur Glatze

von Markus Schneider

1.3.2009 / 4:35 Uhr: Singend treiben wir durch die letzten Nächte des Winters.

13:00 Uhr: Am Freitag – dem interessanterweise bisher schönsten, wenn auch erschöpfendsten Tag des Jahres – bei Chris Cornell habe ich mal wieder darüber gestaunt, wie nah Hässlichkeit und Schönes beieinander liegen. Das neue Album hat ja Timbaland produziert, und diese Sorte Zusammenarbeit – Metal, Rock und Hip-Hop – ging ja bisher immer schief, meist fürchterlich. Schlimmeres als Linkin’ Park hat doch eigentlich kein Ohr je gehört, oder? Jedenfalls klang das live, wo die Konserveneinlagen kaum vernehmlich waren, auf ganz eigenartige Weise cool, ja sexy. Was vielleicht auch daran lag, dass Cornell die lebende Bestätigung für Claudius Seidls These ist, dass wir nicht mehr älter werden. Sehr schlank, schlaksig und, von weitem, völlig unfaltig im Gesicht – vor allem aber eine super freundliche, jugendliche und gleichzeitig souveräne Ausstrahlung. Funkte sich so durch das neue Album, das in DJ-Set-Manier ineinander gemischt wurde, und erfüllte dann, wie es kein DJ je tun würde, Hörerwünsche. Stand ein paar Mal allein mit der Aktustischen da und sang dabei ganz beeindruckend mit diesem Grunge-Metal-Hard-Rock-Ton.

Und ich hatte ihn seit Soundgarden vollkommen ignoriert. Dafür mein Bedauern. (Hier meine ausführlichere Apologie in der Berliner Zeitung.)

Jetzt werde ich wohl mein «Fuck Happens»-T-Shirt von der ersten Tour 88 oder 89 wieder auspacken müssen. Hatte mir passenderweise um die Zeit sogar die Haare wieder bis weit über die Schulterblätter zur Matte wachsen lassen (um das Spex-Titelbild mit J.Mascis nachstellen zu können: zerrissene Levi’s-Jacke, darunter kraftvoll blaues Smiley-mit-Kopfschuss-T-Shirt).

Im bösen Sommer 1989 fiel das Haar einer amourösen Katastrophe zum Opfer. Die Glatze kam dann aber grade recht zum Acid-House-Aufbruch in den UFO-Club am damals brachen Schlesischen Tor, mit seiner Hühnerleiter in den Kohlenkeller mit der niedrigen Decke, der improvisierten Bierkistenbar und den psychedelischen Lichteffekten auf einer dichten Nebelwand. Wir haben dort ein Video für Cosmic Baby gedreht, der auch privat immer zum Tanzen kam und dann zum Trancegott wurde. Dann fiel auch schon die Mauer. (Cosmic habe ich zuletzt vor ein paar Jahren im Fitness-Studio getroffen, wo er gut aussah.)

23:00 Uhr: Gestern im «Wrestler», der ja tatsächlich so toll ist, wie alle sagen. Passte natürlich gut in den 80er-Kontext, nicht nur der Musik wegen. Die doppelbödige Aufwertung amerikanischer Trash-Ikonographie, eben Wrestling, schmierige Rockerhaare, Stripperinnen, Splatterfilm und solcher Kram. Schreiben könnte ja als Kulturtechnik bald so vergangen und outdated sein wie die Wrestler-Szene. Aber im Gegensatz zu Rourke bin ich echt froh, dass es die Neunziger gab. Und die 2000er. Weil es am Schönsten doch immer in der Gegenwart gewesen sein wird.

Eine Reaktion zu “Von der Matte zur Glatze”

  1. Petra schrieb am 10 April 2009, 10:57

    naja,ein guter Artikel.Die Frühling ist aber schon gekommen…Das freut mich natürlich sehr:)Ich bin auch der Meinung,dass die Hässlichkeit und Schönes sehr nah beieinander liegen.So ist das Leben…:)

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