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28. März 2009, 17:54

Vom Weltgeist

von Markus Schneider

Irgendwie recht amüsant gab es diese Woche an drei aufeinanderfolgenden Abenden, als gehorchten sie einer geheimen Logik, jeweils alte Punks oder Post-Punks zu hören. David Byrne, Wire, Jonathan Richman. Alle in der zweiten Fünfziger-Hälfte, alle auf ganz unerschiedliche Weise gut erhalten. Byrne natürlich, dem es offenbar am Besten geht, sah auch am Besten aus. War im grössten Saal, dem ungemütlichen Tempodrom, und am dünnsten besucht, aber mit dem kraftvollsten Publikum. Bis zum Haar ganz in Weiss und vom Habitus, auch dem seiner lässig funkigen Musik her, ganz der erfolgreiche New Yorker Künstlertyp. Attraktiver war auf gewisse Weise vielleicht Jonathan Richman, im überraschend rappelvollen Festsaal Kreuzberg, der allerdings den eigentlich coolen Eindruck durch allzu forciertes Schmerzensmann-Gesicht zerstörte. Wire – im dicht gedrängten neuen, noch nicht ganz ausgreiften Live at Dot um die Ecke am Schlesischen Tor – natürlich grau und etwas grimmig, auch nicht schlecht, aber in Gefahr, verbissen zu werden. Interessant dabei: Beim Wiederhören von «Pink Flag», dem Titelstück des ersten Albums von 1977, habe ich bemerkt, dass im Text zwei Daten erwähnt werden, die jeweils meiner und meines Vaters Geburtstag sind. Vielleicht Grund, ein bisschen paranoid zu werden? Tendenzen dazu gibt es ohnehin, vielleicht kann man das zu einem produktiven Wahnsystem ausbauen?

Bevor´s vergessen wird, muss hier noch kurz in die virtuelle Ewigkeit gejubelt werden, wie grossartig Grace Jones’ Auftritt letzte Woche war! (Jubelartikel mit Schenkelwürdigung hier )

Richman wiederum – das wird ja gern verdrängt, wo er seit Jahrzehnten als Sentimenalist und Naivist unterwegs ist – hing ja tatsächlich mal im Warhol / Velvet-Underground- Umfeld herum, das erste Album wurde ja auch vom grossen John Cale produziert, der immerhin auch das erste Stooges-, das zweite Nico und das erste Patti Smith- (und, dochdoch, das zweite Element of Crime)-Album produziert hat. Und Richmans erste paar Songs sind in ihrer elektrisch schrammligen Art durchaus unfinstere Fortsetzungen der VU-Ästhetik, die er wiederum recht korrekt auf einem der Band gewidmeten Song analysiert. Aber ich liebe ihn natürlich vor allem wegen der Grundthesen von «Pablo Picasso»: «Some people try to pick up girls and get called asshole. This never happened to Pablo Picasso.» Wieviele Maler- und Bandexistenzen verdanken sich dieser scharf beobachteten, pubertären Erkenntnis! (Mit Schreiben läuft das etwas anders, weil man schon reifer sein muss, um die Fans des geschliffenen Wortes wirklich schätzen zu können. Die sich ja von den leichtlebigen jungen Dingern, die pubertäre Richmans und alte Picassos so schätzen, doch unterscheiden. Am Ende allerdings… ich schweife ab.)

Apropos Geburtstag, den ich beim Skifahren verbracht habe (Nachtskifahren, super!), fiel mir wieder auf, dass man als Fisch-Geborener offenbar riskant lebt: Zu den mir bereits bekannten Alkohol- und Drogenspinnern wie Jack Kerouac, Richard Burton, Liz Taylor, Townes van Zandt, John Cale, Lou Reed, Kurt Cobain, Lee Perry und Liza Minelli kam dieses Jahr noch Pete Doherty, dessen Geburtstag ich bisher nicht kannte. Toll. Das wollen wir jetzt aber nicht vertiefen. Ebensowenig wie die eigenartige Tatsache, dass gemusterte 70er-Jahre-Kacheln in Hotelzimmern scheinbar alle vom selben vaginalfetischistischen Künstler bemalt sind.

Zum Geleit Lloyd Cole (Wassermann): «Must you tell me all your secrets when it’s hard enough to love you knowing nothing.»

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