Als Nachtrag zum Seibtschen Abgesang aufs Berliner Nachtleben, das im Zeichen der Rappschen Abhandlung zur Clubgeschichte der Stadt als Hipsterland verloren sei: Tatsächlich kann man ein bisschen den Eindruck bekommen, das «Berghain» gehe nun ganz offensiv in die Post-Adoleszenz. Kirsten Riesselmann bemerkte jedenfalls schon mal in der taz von gestern, wie sich «Helmuth Karasek und rehäugige Hetenpärchen» neugierig in den Darkrooms des Gemäuers umsahen, letzte Woche, als die Spex dort ein Festival ausrichtete. Headliner waren die schicken Franzosen Phoenix, davor gab’s die vielleicht doch überschätzte House-Popperin Little Boots, die ihre total süssen Web-Auftritte mit rührenden Coverversionen von Siebziger-Kram nicht nachstellen konnte. Natürlich wurden auch die DJ-Kanzeln bespielt, unter anderem mit Spex-Chef Dax, der irgendwann «Walk on the Wild Side» spielte, Tobi Rapp, der zuerst ganz nervös war, im besten Club der Welt aufzulegen, und dann natürlich doch reussierte – und Hell, der auf seinem neuen Album ein sehr schönes Stück mit Bryan Ferry vorstellt. Auch irgendwie total süss: Die beiden in die Jahre gekommenen Dandys, der Electro-Striezzi aus München in den besten Vierzigern, der Electrocrooner aus den Siebzigern in den besten Sechzigern, zu einem knackigen Technohouse-Beat.
Ich war nicht lange im «Berghain». Aber wer mal eine richtig gute Anlage hören will – besser als dort geht nicht! Neulich, ich habe es schon kürzlich beschrieben, bei Flying Lotus! Was für ein Set! Wie mir die Beine zitterten, dass ich mich festhalten musste! Wie die Haarspitzen vibrierten! Welch ein Glück, die Ohren mal so richtig erschöpfend rangenommen, beim Flying-Lotus-Ohrensex.
Ganz anders am Sonntag, erschöpft vom Wochenende, bei Sunn O))) im «Prater», wohin die Volksbühnenmusik bis zum Ende der Volksbühnenrenovierung umgezogen ist. Sunn O))) haben sich ja nicht umsonst nach einer Verstärkerfirma benannt. Und so stand man also im dunklen Raum und lauschte einem anschwellenden Feedback-Drone, wie es immer weiter anschwoll. Vorne sah man zunächst nur sacht und fahl beleuchtete Nebel. Ab etwa Minute 40 tauchte immer wieder einer der beiden oder beide für einen beinahe unwirklichen Moment in ihren Kutten mit der Gitarre aus den Nebeln auf, um gleich wieder damit zugepustet zu werden. Das Rattern und Brummen wiederum, das schon zu Beginn den Holzboden zittern liess, wuchs dabei immer mehr, bis auch ich mir – ich glaube zum ersten Mal – Ohropax ins Ohr geschoben habe, das man am Eingang in die Hand gedrückt bekommen hatte. Noch später als alle dann vor dem «Prater» beim Bier standen, musste ich mich wundern, dass mein Bier nicht überschwappte, weil ich innen drinnen noch am nachvibrieren war. Toll.
Dem gegenüber habe ich mich dann doch ein wenig gewundert über die Schmerzlosigkeit des Junior-Boys-Auftritts am Freitag im «Scala», das nach kurzer Blüte schon wieder schliesst. Die Junior-Boys werden doch immer als so quasi-Intellektuelle gehandelt, aber sie spielten einen derart kuschlig-knuddligen, schüchternen Electro-Pop mit Knabengesang, dass man am liebsten harte Drogen genommen und die knuddligen, schüchternen Friedrichshainer Kinder erschrocken hätte, die sich ausnahmnsweise aus ihrem Ghetto heraus nach Mitte und dann gleich auf den halbamtlichen Grossboulevard, ja Broadway von Mitte: die Friedrichsstrasse getraut hatten.
Gespentische Szene neulich in F-Hain, Revaler Strasse, auf dem Weg zu den finnischen Damn Seagulls und ihrem prima gut gelaunten Power-Pop. Rudel identischer Kids, die hin- und her liefen, keine Einzelpersonen, keine irgendwie gemischten Pulks, niemand über 25, ein wirklich deprimierend Selbstbescheidungs-Biotop, eingegrenzt von stählernen S-Bahngraben und bösen vielspurigen Strassen.
Das Scala habe ich übrigens erstmals kennengelernt, als zu einer Vice-Party zum Filmfest vor zwei Jahren (für die Vice-Produktion «Heavy Metal in Baghdad») Peaches ihre liebsten Heavy-Metal-Tracks auflegte. Es gab nur Wodka mit höchstens 1 Getränk drinnen. Sonst nix. Ein Konzept, dessen reduzierte Strenge meine Zustimmung findet.
Wobei: Wodka, Ingwer-Bier, mit Gurkenscheiben!
Christoph Waltz – der im Alter immer besser aussieht und immer toller daherspricht – hat ja schon in «Herr Lehmann» die einzig richtig überzeugende, tolle Leistung gebracht. Als Irrenarzt. Jetzt als irrer Nazi, bei Tarantino, der ihm, so Waltz den Tränen nah bei der Cannes-Verleihung, seine Berufung zurückgegeben habe.
Barbara Rudnik.














[...] Stimmen zu Spex Live finden sich in taz (2), Tagesspiegel und der Welt sowie im Blog »The Title« von Markus Schneider. Ergänzende Rückblicke werden in den Kommentaren [...]