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27. Juli 2009, 14:05

Laut könnte es werden

von Markus Schneider

Ein Nachtrag zum letzten Wochenende, das ich, jedenfalls zum Teil, bei U2 im Berliner Olympiastadion verbrachte, aber einerseits der Arbeit, andererseits des lausigen, lustabschneidenden Wetters wegen bisher nicht weiter ausbreiten wollte:

Wofür Stadionrock wie der von U2 gut sein soll, werde ich wohl eher nie begreifen. Klar kann man sich nicht entziehen, wenn knapp 90’000 Leute aus einer Kehle singen und offenbar Bonos christliche Erlösungsrhetorik aufs eigene Leben beziehen. Warum aber geht man hin in diese Masse? Schliesslich ist das noch nicht mal ein umstandsloser Technohedonismus, sondern irgendwie ernst gemeintes und ausgestelltes Megagefühl, und sogar mit Überbau. Und schon den Techno-Grossraves konnte man ja skeptisch gegenüber stehen, auch wenn Rainald Goetz immer so toll davon geschwärmt hat (und dabei amüsanterweise gern ein bisschen Jüngerstil geprobt hat).

Bei U2 gibt es eher billige Kleinstnenner- Melodien, unpolitisch in Liebe aufgelöste Problemsongs und einen grössenwahnsinnigen Sängerschreihals, der sich von jedem Elend der Welt persönlich gemeint fühlt, aber letztlich nur seinen Glauben entgegenhalten kann, intellektuell gesprochen. «Wie würden die Engländer sich fühlen, wenn Michael Jackson ihnen erzählen würde, wie sie ihre Wohnungsmarktkrise managen sollen? Wie die amerikanische Regierung, wenn Amy Winehouse anfangen würde, ihr zu erklären, wie man der Kreditklemme entkommt, und ihr die Leute auch noch zuhörten? Sie wären zutiefst verstört. Zu Recht.» So sprach im Frühjahr die sambische Ökonomin Dambisa Moyo in einem Interview, das die Jugendseite jetzt.de der Süddeutschen Zeitung anlässlich ihres «Glamour-Aid»-kritischen Buches «Dead Aid» mit ihr führte.

In der Woche vor dem U2-Konzert sass ich im Flieger aus Kopenhagen und las in der International Herald Tribune den Leitkommentar – von Bono, der darin den US-Präsidenten für die Wahl Ghanas als erste Besuchsstation in Afrika lobte.

Vor ein paar Tagen habe ich die Dokumentation «It Might Get Loud» gesehen, die demnächst hier ins Kino kommt. Darin erzählen Jimmy Page, Jack White und der «bedauerlich» (Andrian Kreye in der SZ) benamte The Edge vom Gitarrespielen. Insgesamt eine schöne, durchaus laut werdende kleine Rockdokumentation, Jimmy Page wirkt recht würdig, White interessant gemischt aus Punk und Country-Blues-Nerd. The Edge, lustigerweise ja der Repräsentant der Rebellion der Siebziger – wir erinnern uns: gegen aufgeblasenen Pomp- und Artrock, gegen träg gewordene Monsterbands (auch wie Led Zep und Stones) und Starwesen – erwies sich dabei als völliger Technologie-Freak, der Pedal um Pedal in Reihe schaltete und Effekt an Effekt reihte. Was man live natürlich sehr gut hören konnte, denn sein klares Spiel dringt ja wie die tropfenförmigen Akkorde tatsächlich klarstens (und also schon eindrucksvoll) durchs ganze weite Stadion. Was mir die Songs trotzdem nicht näher bringt und nicht die Riesenshow voll Superlativen (500’000 Pixel-Screen) und der spinnenförmigen Konstruktion für Kameras und Leinwand, die mich an den albernen «Wild Wild West» erinnert hat und den unterleibslosen, megalomanen Gangster.

Nicht, dass Bono ein Gangster wäre. Selbst die Polemik gegen die Steueroasen, in denen die Firma U2 angeblich ihr Geld versteuert, reisst mich nicht weiter mit.

Aber U2 sind eben schon eine Dinosaurier-Band, die ästhetisch und ideologisch schon immer mindestens fragwürdig war. Wobei gegen Spenden und Notfallhilfe natürlich nichts zu haben ist, klar. Aber dahinter steckt ja wiederum auch die amerikanische Verpflichtung, mit dem Privatvermögen zu sponsern und zu helfen. Auch Gangsta wie Jay-Z schieben ja, wie anlässlich Katrinas, schon mal Millionenbeträge rüber und engagieren sich ansonsten in Schul- und anderen Sozialprojekten. Sie geben, weil’s alle tun, nicht so an und fühlen sich entsprechend auch nicht so messianisch und wichtig wie Bono, den man ja ganz im Ernst auf G 8 Gipfel lädt.

Auch heute habe ich wieder keine Lust auf «Brüno». Und schau lieber daheim die schöne DVD «Wild Combination» über den 1992 an den HIV-Folgen verstorbenen New Yorker Discoavantgardisten Arthur Russell.

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